Im Moment muss ich leider Nein sagen, wenn sich etwas ändern sollte …

„Schuwardt, wir müssen reden!“

Wie unsäglich schwer fällt es mir – dir wahrscheinlich auch – auf eine respektvolle Art und Weise NEIN zu sagen.

Ich habe den Satz in einem Seminar gehört und ich finde ihn wunderschön: „Im Augenblick muss ich leider Nein sagen, wenn sich etwas ändert, dann werde ich dich anrufen!“.

Man hat für das kommende Wochenende eine Einladung und der Akku ist fast leer. Ich benötige die Erholung. Wie schnell sage ich JA, ich komme, obwohl ich eigentlich NEIN meine. Alles in mir verkrampft sich. Ich will doch eigentlich gar nicht. Es wird spät, ich benötige dringend den Schlaf.

Bevor ich also vorschnell antworte, sollte ich mir folgende Frage stellen: „Befindet sich die Einladung bei Peter und meine Bewertung der Vorstellung, dass ich den Abend mit Peter und seinen Freunden verbringe, in einem konsistenten Verhältnis?“ Wenn ich diese Frage mit einem eindeutigen JA beantworten kann, dann ist doch alles in Ordnung. Sollte es aber so sein, dass ich mich vor dieser Einladung bei Peter, der so laut ist, nicht drücken können, dann muss ich immer noch zwei inkonsistente Bestrebungen in mir koordinieren. Peter ist laut und ich brauche einen Samstagabend auf dem Sofa. Ob das gut gehen wird, diese zwei Protagonisten aus meinem inneren Team zu vereinen, damit der Abend bei Peter gut wird?

Doch was ist es, was mich oder auch dich hindert NEIN zu sagen? Wie viel Lebenszeit verbringen wir damit, solche inkonsistenten Lebenssituationen zu koordinieren. Täglich: Der Kunde ruft an und platziert einen Auftrag. „Das geht doch bis Freitag?!“, ich höre förmlich den Appell. Die Angst im Nacken: Wenn ich Nein sage, ist der Kunde weg. Also sage ich JA und spüre förmlich meine innere Anspannung, mitunter auch meinen Unmut. Wieder fremdbestimmt.

Also warum nicht ein mutiges NEIN! „Im Moment muss ich leider Nein zu deiner Einladung am Wochenende sagen, sollte sich aber noch etwas ändern, dann rufe ich dich an!“

Dieser Satz ist klar und eindeutig. Ich gehe nicht in die Rechtfertigung, in die Begründung oder Ähnliches. Peter hat mich als erwachsener Mensch eingeladen, auch mit der eventuellen Antwort: „Ich kann am Samstag nicht“. Auch mir fällt es leichter, Peter zu sagen: „Das tut mir leid, ich bin schon lange bei Klaus eingeladen.“ Es ist eine Form der Selbstachtung auch dann NEIN zu sagen, wenn es um mich höchstpersönlich geht. Ich will einfach mit Ina einen gemütlichen Abend auf dem Sofa vor dem Fernseher verbringen. Ich brauche das. Fühlt sich meine Zusage inkonsistent an, dann wird mir nachträglich dieser gesellige Abend bei Peter nicht sonderlich gut vorkommen.

Durch den Satz: „Im Moment muss ich leider NEIN sagen …“, habe ich mich selbst geschützt. Wie schön ist das denn. Ich bin mir selbst einmal wichtig. Was hätte Peter davon, wenn ich mit einer inkonsistenten Haltung zu seinem geselligen Abend gehe und aus Anstand bis 22 Uhr bleibe und mich dann verabschiede?

Obwohl mir als auch dir das alles klar ist, sagen wir dennoch mal schnell JA, obwohl wir eigentlich NEIN meinen. Ich kann doch Peter nicht vor den Kopf stoßen. Liegt dieses halbherzige JA nicht viel mehr in mir selbst? Ich glaube ja.

Es ringen bei einer solchen Situation mehrere soziale Bedürfnisse miteinander. „Zugehörigkeit“ – ich will nichts verpassen – und „Selbstfürsorge oder Autonomie“. Übertrage ich dieses Ringen auf mein inneres Team, so wird derjenige siegen, der am lautesten schreit. „Du kannst doch nicht NEIN sagen!!!“, so schreit doch der kleine Egbert, dem gesagt wurde, benimm dich, das gehört sich nicht NEIN zu sagen.

Mit der Antwort: „Im Augenblick muss ich leider NEIN sagen …“, stärke ich den fürsorglichen, väterlichen Freund in mir. Ich will ihn bei mir mal Achim nennen. Dieser Achim hat auch NEIN gesagt, als er die Option hatte, in den Westen zu kommen, „Nein, ich bleibe im Havelland“. Beim Schreiben dieses Beitrags ist mir klar geworden, wer derjenige in meinem inneren Team ist, der ohne weitere Rechtfertigung sagt:

„Im Augenblick muss ich leider Nein sagen, sollte sich noch etwas ändern, dann melde ich mich bei dir!“

Ich wünsche dir eine besinnliche Adventszeit, in der du auch mal Nein sagst, wenn du deine Ruhe brauchst.

Dein Egbert Schuwardt
Mediator | Coach | Berater

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