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Über Den Dächern Von Berlin

Über den Dächern von Berlin

Einen Überblick verschaffen, den Blick schärfen. So, wie ich jetzt auf einer Dachterrasse in Berlin Charlottenburg sitze, während Ina ihre Mediationsausbildung beginnt, so konnte ich auch dem Shutdown noch etwas positives abgewinnen.

Schwierig zu verstehen für diejenigen unter uns, die besonders gelitten haben. Lass es mich trotzdem sagen:

Durch die Fokussierung auf wenige soziale Kontakte, war es mir möglich – wie bei einer inneren Einkehr – mich auf die wesentlichen und wichtigen Dinge zu beschränken. Ja, es ist schlimm für die Gesamtwirtschaft, dass der Konsum eingeschränkt wurde. Mir selber hat es allerdings eine große Klarheit gebracht:

„Wer oder was ist für mich wichtig? Wer nimmt sich, bei aller Tragik der Situation so wichtig, dass er den Abstand nicht ein halten kann?“

Ja, es fällt mir auch sehr schwer eine Maske zu trage. Ich kann mir inzwischen damit helfen die „Maultasche“ als Zeichen des Respekts gegenüber meinen Mitmenschen zu sehen. Ich zeige dir deutlich: ich will dich nicht anstecken. Der Begriff „Maultasche“ gefällt mir insbesondere im Kontext der Mediation und des Coachings. Sie versperrt mir das lose Mundwerk. Ich muss deutlich sprechen. Ich habe dadurch gelernt mir die Sorgen und Nöte der Menschen anzuhören, ohne sofort zu antworten. Sprechen ist anstrengender geworden, so dass ich mir die wenigen Worte sehr überlege.

Ich habe sehr viele Kleinunternehmer in der Beratung, die geweint haben …. Sie wissen nicht mehr weiter. Andere jedoch drängeln sich vor und wollen ohne Abstand in der ersten Reihe stehen. Dies war auch vor der Krise so. Durch die Reduktion auf das Wesentliche, ist mir dieses Verhalten erst aufgefallen. Will ich mit solchen Dingen oder Menschen meine Zukunft verbringen? Die Zukunft beginnt bereits jetzt.

Die Reduzierung auf das Wesentliche macht das Leben auch einfacher. Es muss nicht immer „HÖHER – SCHNELLER – WEITER“ gehen.

Selbst beim Schreiben dieses Beitrags hat die Technik gegenüber der Natur versagt. Die Sonne hat den Blick auch meinen Monitor verhindert. Beim Schreiben ist mir dann bewusst geworden, wie schön das Kratzen der Feder meines Füllers auf dem Papier ist. Die Gedanken kommen viel schneller und direkter auf das Papier als in den Rechner: Keine Rechtschreibprüfung, durchgestrichen, die Kommas nicht gesetzt … Reduktion auf das Wesentliche.

Doris Dörrie hat mich mit ihrem Buch: „Leben, schreiben, atmen“ angeregt. Ja es stimmt: ich kann mich konzentrieren, kein Google, kein Wikipedie … die Gedanken fliegen.

Sie fliegen über die Dächer von Berlin. Auf der einen Seite der Blick nach Westen zum Funkturm; auf der anderen Seite der Blick nach Osten auf den Alex. Die Sonne scheint, der Wind zerzaust nicht nur das längere Harr, sondern zerrt auch am Papier. Die Sonne tut gut auf dem Rücken.

Ich wünsche uns allen, dass wir aus dieser Krise gut herauskommen. Ich wünsche uns allen den Abstand, um unsere Welt mit anderen Augen zu sehen. Die Maultasche kann uns helfen, ein wenig leiser zu werden und respektvoll mit unseren Mitmenschen umzugehen. Ich wünsche mir auch, dass die äußere Ruhe auch zu einer dauerhaften inneren Ruhe führen wird.

Gerade läuten die Kirchenglocken 12:00 Uhr Mittag und ich erinnere mich an meinen Deutschlehrer, der uns immer wieder den Satz „Die Glocken der Kirche läuten den Sonntag ein“ deklinieren lies. Erstaunlich, dass plötzlich diese Erinnerung nach fast 50 Jahren wieder hochgekommen ist.

In meiner letzten Mediation vor dem Shutdown, hat eine Mediantin den Satz aus dem „Kleinen Prinzen“ gesagt.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“

Das vollständige Zitat lautet:

„Man sieht nur mit dem Herzen gut, Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar!“

Versuche es selbst. Schau mit deinem Herzen! Schaue auf deinen Mitmenschen mit Wertschätzung und denke dabei auch an dich. Auch du selber verdienst Wertschätzung. Genieße die Freuden des Alltags und des Jetzt und warte nicht auf Morgen. Die Zukunft beginnt bereits heute.

Es ist schön, wieder die Freiheit zu genießen, mit einem Kaffee in der Sonne, mit Abstand und Respekt.

Eine meine Mitarbeiterinnen sagte in der vergangenen Woche sehr treffend:

„Wir sind uns als Team trotz des Abstandes (Homeoffice) näher gekommen“.

Auch auf diese Weise möchte ich meinem Team einen großen Dank aussprechen und Respekt zollen.

Über den Dächern von Berlin,
dein

Egbert Schuwardt
Mediator und Coach

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