Frei nach Walter Benjamin „Stadt des Flaneurs“.

Ein besonderer Sommer im Jahr 2020. Urlaub an der See steht in weiter Ferne. Der Sommer plätschert so langsam vor sich hin. Zwischendurch Momente, die mich an einen normalen Sommer erinnern. An den Urlaub im Süden. So wie am Samstag-Morgen mit Ina auf dem Wochenmarkt in Barmen. Es ist sommerlich warm; wir gehen ohne Frühstück los. Die Händler preisen ihre Waren an, Wildkräutersalat mit Wildblumen, Käse und Puddingbretzel mit dem Cappuccino vom Kaffeestand. Lebensfreude trotz Corona.

Wir setzen uns auf den Sockel der Fahnenmasten auf dem Rathausvorplatz mit dem Cappuccino und der Puddingbretzel. Es werden die Erinnerungen wach, an Sommertage im Süden wach. Wir beobachten Menschen, wie sie über den freien Platz gehen. Kinder laufen, eine ältere Dame im Sommerkostüm geht stolz mit ihrem Stock, eine andere Frau trägt schwere Taschen, ein Pärchen in Sportkleidung kreuzt den Platz. Sind es die „eingetretenen Pfade“, die diese Menschen jeden Samstag gehen? Woran denken die Menschen, wenn sie über den großen Platz gehen.
Wir fragen uns, wie wir ihnen den Weg über den Platz in die Einkaufsstraße beschreiben würden. Ich beschreibe Ina den Weg an der Buchhandlung vorbei, auf der rechten Seite in etwa 500 m. Oder sind es nur 200 m.? Wie bin ich bislang den Weg gegangen? Flaniert, wie Walter Benjamin es in „Stadt des Flaneurs“ beschreibt. Der Flaneur durchstreift die Straßen und Passagen der Großstadt durch eine anonyme Menschenmenge. Ich lasse mich treiben. Bin ich in dieser Stimmung, so nehme ich den Weg bestimmt als 500 m weit an. Bin ich jedoch in Eile; in eiliger Stimmung, so fühlt sich der Weg bestimmt nur 200 m lang an.

Wenn ich flaniere, so nehme ich mir die Zeit, die Dinge auf dem Weg bewusst wahrzunehmen. Vielleicht nehme ich auch wahr, dass die Fußgängerzone von Bäumen begrenzt ist.
Heute Morgen haben wir auf dem Weg ins Büro über unserer Erfahrungswege gesprochen. Selbst wenn zwei Menschen eine Situation zeitgleich erleben, so wird diese Situation jeder anders beschreiben. So wird auch jeder den Gedankenweg anders beschreiben. Die Beschreibung des Weges kann folgende Bilder assoziieren:
„Ich gehe einen ausgetretenen Weg. Vielleicht ist es der gerade Weg über den Rathausplatz. Sehe ich dann eigentlich mal was Neues, aus einer anderen Perspektive? Ist dieser Weg wirklich die kürzeste Strecke, die zum Ziel führt?“

Nicht immer ist der ausgetretene Pfad der Weg, der zu einer kreativen Lösung oder Idee führt. Kann man das nicht auch anders:

Gehe morgens einen anderen Weg ins Büro; nimm vielleicht auch mal das Fahrrad und spüre den Wind und die Sonne in deinem Gesicht. Du wirst völlig anders im Büro ankommen. Wenn du dich dann auch noch auf einen anderen Platz setzt, so veränderst du ganz bewusst deine Perspektive. Dies alleine ist schon eine Methode, um eine kreative Denkweise anzustoßen.
Beschreibe mal vor deinem geistigen Auge den Weg, den du üblicherweise bei einer Entscheidung gehst. Ist der Weg geradeaus, siehst du bereits das Ziel am Horizont? Oder ist er so gerade und lang, dass du das Ziel gar nicht erkennen kannst? Ist der Weg verschlungen oder geht er bergauf und bergab? Was liegt alles auf deinem Pfad im Weg? Sind es die leicht hochstehenden Platten auf dem Rathausplatz, über die ich immer wieder stolpre, wenn ich gedankenverloren über diesen Platz gehe? Wie gehe ich den Weg eigentlich? Aufmerksam, oder bin ich mit meinen Gedanken woanders?

Auf alle Fälle ist klar, dass jeder den Weg anders geht und somit auch einen anderen Blick auf diesen Weg und damit auch auf diese Welt hat. Jeder wird uns eine andere Beschreibung dieses (gemeinsamen) Weges geben.

Ich finde es schön, mich darauf einzulassen, jeden Menschen in seiner Individualität und Einzigartigkeit zu sehen.
In diesem Sinne wünsche ich dir eine gute Woche und genieße das Flanieren in der sommerlichen Stadt,

dein
Egbert Schuwardt
Mediator und Coach

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