Schuwardt, wir müssen Hände schütteln

Nähe wagen, berühren – Hände schütteln.

Bis zum Beginn der Pandemie war es völlig selbstverständlich, dass man sich am Anfang und am Ende einer Begegnung mit einem anderen Menschen die Hand gereicht hat. Oder, wenn man sich nähersteht, in den Arm genommen hat; vielleicht sogar noch einen Kuss auf die Wange gehaucht hat.

Damit haben wir vor zwei Jahren aufgehört. Wir haben Warnhinweise an der Eingangstüre des Büros angebracht, die auf die Risiken des Händeschüttelns hinweisen. Mal abgesehen davon, dass zu der Zeit die Inzidenz sehr gering war. Im Sonntagsgottesdienst, den ich am letzten Sonntag besuchte, entfällt der Friedensgruß. Ein Ritual, bei dem man dem Banknachbarn die Hand zum Friedenswunsch reicht. Gerade jetzt, der Krieg ist zurück in der Mitte Europas haben wir nicht den Mut, uns die Hand zu reichen. Wir versuchen etwas anderes und nicken uns zu. Wir reichen einander die geballte Faust, wir vermeiden Nähe und halten Abstand. Es gibt Kulturen wie z. B. in Asien, in denen es unüblich ist, sich zu berühren. Bei uns in Deutschland und Europa ist es jedoch völlig normal und ich meine, es fehlt uns etwas, wenn diese Berührung nicht mehr die Normalität ist.

Heute erschrecke ich mich, wenn mir jemand die Hand zur Begrüßung oder zum Abschied reicht. Das erste Mal ist mir das so schmerzhaft bewusst geworden auf Korfu um Sommer 2021. Maria, die Besitzerin der Strandbar, gab uns am letzten Urlaubsabend zum Abschied die Hand.

Doch wozu ist dieses Ritual denn eigentlich wichtig? Ich habe mal gelesen (finde, die Quelle allerdings nicht mehr wieder), dass man früher mit dem Händeschütteln zur Begrüßung zeigte: Ich bin in friedlicher Absicht hier, ich trage keine Waffen.

Unsere Hände können ein kleines Baby liebevoll berühren, sind kräftig genug, uns als Werkzeug zu dienen und sind unverzichtbar bei der Interaktion (nonverbale Kommunikation) mit anderen Menschen. Wir kommunizieren mit Händen und Füßen. Wollen wir in einer großen Gruppe zu Wort kommen, so heben wir die Hand. Der Dirigent führt das Orchester mit seinem Taktstock oder nur mit den Händen. Der Fußballtrainer gibt wild gestikulierend Anweisungen am Spielfeldrand. Volleyballspieler geben sich versteckte Zeichen mit den Händen für den nächsten Spielzug und klatschen sich ab, wenn der Spielzug einen Punkt gebracht hat.

Wir sprechen auch häufig von der gebenden Hand. Eine Gabe, ein Geschenk überreichen wir dem anderen. Mit der warmen Hand geben bedeutet dabei bereits zu Lebzeiten seinen Nachlass zu regeln.

Der Pferdehändler besiegelt den Kaufvertrag mit einem kräftigen Handschlag.

Es ist m. E. wichtig, wieder zurückzukehren in die Zeit vor der Pandemie. Nur mit digitaler Kommunikation, die ohne Blickkontakt auf den anderen (das ist das Thema der Kamera) und ohne Körperlichkeit vonstatten geht, kann dies m. E. nicht gelingen.

In einem ZOOM-Meeting konzentriere ich mich auf mein eigenes Spiegelbild, beschäftige mich damit, ob die Haare wohl richtig liegen, ob die Beleuchtung ausreichend ist …
Körperliche Berührungen entfallen beim ZOOM-Meeting völlig. Den Trauernden kann ich nicht am Arm berühren, um ihm Trost zu spenden. Ich kann verbal um Verzeihung bitten. Jedoch wird die Bitte um Verzeihung durch eine Handreichung verstärkt. Es ist ein Geben und ein Annehmen.

Digitale Medien bauen zwar die Ferne (Entfernung) ab, aber bauen sie Nähe auf? Ich kann es schaffen, in einer Online-Mediation Beziehung zu den Beteiligten aufzubauen, allerdings wärmende Nähe, wie sie ggf. bei einer Versöhnungsgeste wichtig wäre, kann ich nicht aufbauen. Wir müssen lernen, noch einen weiteren Spürsinn im digitalen Raum aufzubauen.

Wie wichtig Berührungen sind, merken wir alle selbst, wenn wir uns mal dabei beobachten, wie häufig wir mit der Hand unser Gesicht berühren, dass Kinn reiben, die Haare berühren …

Lasst uns langsam wieder mehr Nähe wagen.

Dein Egbert Schuwardt
Mediator | Coach | Berater

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