Sehen und gesehen werden!

Nein, es geht nicht um das gesehen werden in der Szene. Das ist zurzeit ohnehin nicht möglich.

Ich hatte in den letzten Mediationen häufig mit einem Konflikt zu tun, bei dem sich die Frage der Bewertung von Arbeit oder Mitarbeit ergab: „Ich mache die Anstreicherarbeiten am Haus und was machst du?“ „Ich habe die Hecke geschnitten und du spielst mit den Kindern“.
Im konkreten Fall geht es um ein Paar, das ein Haus gekauft hat und das inzwischen liebevoll die Villa Kunterbunt genannt wird.

Als die beiden das Haus gekauft haben, hat sie einen größeren Betrag von ihren Eltern bekommen. Der Ehemann hat bis an seine körperlichen Grenzen das Haus renoviert. Ein halbes Jahr hat er sogar seine selbstständige Tätigkeit soweit zurückgefahren, damit er die Arbeit an Haus schaffen konnten.
Im Rahmen der Mediation beschäftigen wir uns gerade mit der Frage: „Wenn wir mal das Haus verkaufen sollten, bekomme ich vom Verkaufserlös vorab die Summe, die ich von meinen Eltern erhalten habe!“ Der Ehemann argumentiert dagegen: „Ich habe doch meine ganze Arbeitsleistung eingebracht! Wie wird denn das berücksichtigt?“
Über die Fragestellung, wie denn die eigene Arbeitsleistung zu bewerten ist, ergab sich die Erwiderung der Frau: „Du hast dich doch mit der Arbeit am Haus selbstverwirklichen wollen. Das war doch deine Therapie. Ich musste mich völlig allein um die Kinder und den Haushalt kümmern!“
„Ich habe sogar meine selbstständige Tätigkeit eingeschränkt, um uns ein schönes zu Hause zu ermöglichen“.

Die Lösung des Konflikts scheint ganz einfach: Die Ehefrau bekommt vorab das Geld und der Ehemann bekommt z.B. 25.000,00 € für die Eigenleistung.

Am Kürbisbeispiel habe ich den Parteien verdeutlicht, dass es darum nicht geht.

Zwei Kinder haben einen Kürbis gefunden. Jeder möchte den Kürbis natürlich für sich. Wenn der Kürbis einfach geteilt wird, kann es sein, dass die Kinder dennoch nicht glücklich sind. Fragt die Mutter die Kinder jedoch nach ihrem Interesse an dem Kürbis oder mit anderen Worten,
Was willst du denn mit dem Kürbis? „Ich möchte für Halloween eine Maske schnitzen.“ „Ich möchte gerne ein Kürbisbrot backen“.
Die Lösung liegt doch auf der Hand: Der Kürbis wird ausgehöhlt. Aus dem Fruchtfleisch wird eine wunderbare Suppe gezaubert und mit ein paar gezielten Schnitzereien an der Schale entsteht eine schöne Halloweenmaske. Jedes Kind ist zufrieden und die Mutter glücklich, dass sie nach dem Interesse hinter der Position gefragt hat.

Zurück zu meinem Fall, der doch so alltäglich ist. Du siehst doch gar nicht, was ich alles gemacht habe. Sehen und gesehen werden. Ich selber denke bei dem Thema „Sehen und gesehen werden“ immer an den Kurzurlaub mit Ina in Prerow.
Mit meinem Medianden habe ich verabredet, dass sie über das Thema und die Mediation mal ein paar Tage nicht sprechen.

In der nächsten Sitzung wollen wir erarbeiten, was es ihnen bedeutet, vom Partner gesehen zu werden. Gesehen zu werden bei dem Beitrag für die Villa Kunterbunt oder gesehen zu werden, sich um den Haushalt und die Kinder zu kümmern.
Diese Sicht auf die Dinge geht im Alltag sehr häufig verloren und dennoch hat sich jeder u. U. bis zu seiner Belastungsgrenze angestrengt.
Ein Gesetz einer Organisation, und dazu gehört eine Familie auch ist: Es muss ein Ausgleich von Nehmen und Geben vorhanden sein.

Wir werden also darüber sprechen, was siehst du denn, was ich mache.

Ja, es kann einen zur Verzweiflung bringen, zu sehen, dass sich zwei Menschen gegenübersitzen und nicht miteinander reden können.

Wieder mal fällt mir Loriot ein. Es ist die Szene, bei der ein Ehepaar vor dem Fernseher sitzt, der gerade den Geist aufgegeben hat. Es fällt den beiden nichts ein, was sie sonst machen könnten. Sie erzählen sich, dass sie Fernsehen sowieso blöd finden, weil das Programm nicht her gibt … Und dann merken sie, dass sie dennoch in Richtung Fernseher schauen, obwohl es außer dem schwarzen Bildschirm nichts zu sehen gibt. Beide bestreiten jedoch, Richtung Fernseher geschaut zu haben. Wie kommt er überhaupt darauf, dass seine Frau auf den Fernseher geschaut habe.
Er: Es sieht so aus …

Sie: Das kann gar nicht so aussehen…. Ich gucke nämlich vorbei… ich gucke absichtlich vorbei… und du ein kleines bisschen mehr auf mich achten würdest, hättest du bemerken können, dass ich absichtlich vorbei gucke, aber du interessierst dich ja überhaupt nicht für mich …..
Am Ende des Dialogs sagt er (energisch). Ich lasse mir von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wann ich ins Bett zu gehen habe!
Hier geht es um zwei Menschen, die nicht miteinander sprechen können. Geschweige denn, dass sie sehen, was der andere macht.

Worüber sprechen wir denn eigentlich wirklich mit unserem Partner?

Sehen wir darüber hinaus, was unser Partner macht. Sehen wir eigentlich selbst, was wir so den ganzen Tag über anstellen?

Lasst uns mal achtsam sein!

Dein Egbert Schuwardt
Mediator und Coach

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