Scham – ich bin noch nicht am Ende mit den Gefühlen

„Schuwardt, wir müssen reden!“

Gibt es eigentlich nur Freude und Liebe als gute Gefühle? Wieso immer diese negativen Gefühle. Als erstes Mal zur Beruhigung. Scheinbar negative Gefühle haben etwas Positives. Sie schützen uns als Mensch. Es sind Gefühle, die überlebenswichtig sind und die wir gar nicht unterdrücken können.

Also Scham. In dieser Woche ist mir dies selbst passiert, dass ich mich leicht geschämt hatte. Ich habe meine Schuhe im dunklen Treppenhaus angezogen und erst beim Bäcker festgestellt, dass ich zwei unterschiedliche Schuhe anhatte. Was sollen die Leute denken. Hoffentlich sieht es keiner. Ich schäme mich.

Wenn es ganz schlimm wird, dann möchte man am liebsten im Erdboden versinken und es passiert leider genau das Gegenteil: Es treibt mir die Schamesröte ins Gesicht. Das Innerste wird im wahrsten Sinne des Wortes nach außen gekehrt.

In einer Mediation habe ich das vor Kurzem erlebt. Ich habe den Fall von den Medianden aufstellen lassen und plötzlich sagte eine Partei, wenn du das so aufstellst, dann muss ich mich tatsächlich für mein Verhalten schämen.

Welcher Gedanke steht dahinter: „Ich bin falsch, mit mir stimmt etwas nicht, oder mit mir ist etwas nicht in Ordnung.“ Wir kennen das Gefühl doch alle. Ich schäme mich, weil ich zu groß, zu klein, zu dick oder zu dünn bin. Das Gefühl, zu dick zu sein, treibt uns gerade zu Beginn eines Jahres in das Fitnessstudio oder in die Diät. Fitnessstudios haben zu Beginn des Jahres die höchsten Zuwachszahlen.

Scham wird nicht selten ausgelöst aus Angst, nicht zu genügen. Unser Perfektionismus steht uns dann sehr im Weg. Die Fähigkeit, diese Scham zu empfinden, zeigt sich im Erröten, gesenkter Blick oder hängende Schultern. Ich spüre das an mir selbst, wenn ich einen Fehler gemacht habe, dass meine Körperspannung sinkt. Bei Kindern macht sich das Gefühl der Scham bereits ab etwa zwei Jahre bemerkbar.

Wofür ist denn dann Scham wichtig? Scham ist für ein gesellschaftliches Zusammenleben dringend erforderlich. Mit diesem Gefühl haben wir einen Schlüssel in der Hand, uns an die in der Familie, der Firma oder im Verein und Freundeskreis geltenden Normen zu halten. Ich komme schon wieder zu spät:
Nach innen gehen die Alarmlampen an nach Außen, ich habe die Regel verletzt, mir gehts nicht gut damit.

Was noch dazugehört, ist Fremdschämen. Dabei muss ich immer an die Fernsehserien „Ein Herz und eine Seele“ mit Alfred Tetzlaff denken. Heinz Schubert hat mit seinem Feinrippunterhemd den am Küchentisch durch die Gegend fliegenden Fußnägeln dafür gesorgt, uns zu erklären, was Fremdschämen ist. Mir ist sein Verhalten peinlich, das verstößt gegen allgemeine Normen und ich schäme mich für Ekel Alfreds Verhalten.

Irgendwo habe ich gelesen, dass Scham der Kitt der Gesellschaft sei. Das finde ich ein sehr gutes Bild, um die Notwendigkeit der Scham für unser Zusammenleben zu verdeutlichen. Scham ist unser Rettungsschirm für ein gesellschaftliches Miteinander.

Ich wünsche dir gute Gedanken zu diesem Impuls,

dein Egbert Schuwardt

Mediator I Coach I Berater

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